AZ21 – Mit viel Anlauf Richtung Hunte

Wenn man „Profis“ fragt, wie man einen Segeltörn planen sollte, dann lautet die häufigste und sinnvolle Antwort: „Plane ein Drittel der Zeit für den Hinweg und zwei Drittel für den Rückweg ein

Das wäre für unseren Zeitrahmen natürlich schlicht unpassend gewesen, aber im Groben haut das schon hin. Wenn man alle verfügbare Zeit nutzen will, und anschliessend muss (oder will) man dann von z.B. der dänischen Südsee nach Oldenburg, dann könnte man das so planen:
1. Tag Bagenkop – Kiel, ist locker zu schaffen
2. Tag NOK – man muss früh los, weil man 10 Std. benötigt (und nicht Nachts fahren darf)
3. Tag a) Brunsbüttel – Cuxhaven das sind nur 2 bis 4 Stunden
3. Tag b) Brunsbüttel – Bremerhaven, die Tide muss halt passen
4. Tag Cux- Bhv
4. oder 5. Tag Bremerhaven – Oldenburg, ist bequem in einer Tide zu schaffen.

Wenn wir also am 03.10. wieder in Oldenburg sein wollen und Dänemark so lange wie möglich auskosten wollten, dann hätten wir uns erst heute (Dienstag, den 28.09.) von Bagenkop auf den Weg machen müssen, um Sonntag, den 03.10. wieder in Oldenburg zu sein. Wir sind aber schon länger auf dem Heimweg. Warum?
Zum Einen gibt es auf dem Rückweg noch einiges zu entdecken, was wir vorher nicht kannten. Zum Beispiel die Eider und die Ortschaften dort. Klasse, dass wir das gemacht haben! Oder das Segler-Kino bei der KiWo, ein tolles Erlebnis. Und zum Anderen: der Grund für die eingangs erwähnte Regel, die den simplen Hintergrund hat: Wer weiss, wie das Wetter wird, was uns noch aufhalten könnte?
Und wenn man als Segler gegenan muss, weil der Wind eben nicht so weht, wie man es gerne hätte, dann kann es schon mal wesentlich länger dauern. Oder wegen eines  zu starken Windes fährt man gar nicht erst weiter. Bei uns ist im Laufe der Zeit die Nicht-raus-fahren-Grenze um eine Windstärke hochgestiegen: Bei einer „Sieben“ fahren wir bestimmt nicht mehr raus, bei einer „Fünf bis Sechs“ hängt es von der Richtung und dem Kurs ab.

Ende September 2021: Rot ist tot – Quelle: Windfinder.com

Nein: Wir wussten natürlich nicht, wie das Wetter Ende September wird, als wir Anfangs (am 05.09.) von Bagenkop abgelegt hatten. Aber wir wussten: Die Zeit, die wir haben, wollen wir entspannt nutzen. Und nicht ggf. bei Wind und Stunk gegenan irgendwo „hin müssen“. Deswegen war quasi der letzte Monat unserer Zeit der Rückreise-Monat.

Jetzt, am 28.09., liegen wir wieder in Elsfleth und ich finde, wir haben die letzten Wochen seit Bagenkop gut genutzt:

05.09. Ankern im Plüschowhafen
06.09. Wellingdorf (Schwentine)
08.09. Düsternbrook
09.09. Schreiber Yachtservice (NOK)
10.09.2021 Pahlenhude (an der Eider)
11.09.2021 Friedrichstadt
14.09. Tönning
15.09.2021 Helgoland
17.09.2021 Wangerooge
20.09.2021 Spiekeroog
21.09.2021 Hooksiel
25.09.2021 Nassau-Hafen
27.09.2021 Im Jaich, Bremerhaven

Das ist doch ein cooler und würdiger Rückreiseweg? Im Nachhinein haben wir auch diesen Plan zu „eng“ gesehen und hätten mehr segeln können. Als Beispiel soll gleich unsere heutige Reise von Bremerhaven nach Elsfleth dienen:
Wir sind erst einen Tag vorher im Dunkeln in Bremerhaven angekommen, aber weil die Wettervorhersagen genau für den nächsten Tag die (unter diesen Umständen) perfekten Bedingungen versprachen, sind wir gleich am nächsten Tag wieder los: Zwar Wind von vorn, aber nur mit zwei Windstärken. Unser Nachbarlieger* in Bhv war ein Bremer und wollte ne Stunde eher los als wir. Zum einen musste er bis nach Lemwerder und zum anderen wollte er: Noch segeln. Auf der Weser kreuzen? Haben wir mal versucht: Nee, nix für das Team Slocum-Angela-Holger.
Die bekannten Fakten waren: NW in Bhv war 12:55 Uhr. In Elsfleth sollte das um 13:50 Uhr sein. Also wollten wir um 14 Uhr los, dann haben wir schon guten Strom mit uns. Wenn wir drei Stunden brauchen, die Zeit vom Schleusen dazu rechnen und etwas Bummelei berücksichtigen: So um 18 Uhr bei der Schleuse SWE ist locker zu schaffen. Es kam aber so, dass unser Bremer Nachbar gar nicht so flott geschleust wurde, wie er dachte. Er ist dann mit der Geestmünde (dem Fahrgastschiff) raus, mit der wir gestern Abend reingeschleust wurden. Wir hörten das alles über Funk, wollten uns da aber nicht einmischen. Da warten wir lieber eine Schleusung ab.

Um 14:40 Uhr verliessen wir die Schleuse und wurden auf die Weser losgelassen. Dort empfing uns Schwell und Sonnenschein. Und der Strom nahm uns gleich mit, als wir den Vorhafen verliessen und Richtung Blexen steuerten: 6,5 Knoten, meine Herren!
Wir nahmen noch Drehzahl weg, denn 6 Kn reichten uns völlig: 18sm sind es bis Elsfleth. Das war wie in alten Zeiten: Auf der Weser bei Sonnenschein von der Flut mitgetragen werden, in die Gegend gucken und sich entspannt über einfach alles freuen…
Eine Stunde später kamen wir auch wieder an unseren noch immer segelnden Bremer vorbei: Die waren fein am kreuzen, wir machten Strecke. Noch eine Stunde später kamen die wieder von hinten näher. Dieses mal waren auch sie unter Maschine und zwei, drei zehntel Knoten schneller als wir. Zu dem Zeitpunkt waren wir schon auf Höhe des Braker Industriehafens. Also riefen wir die Schleuse SWE an, und teilten mit, dass wir wohl so circa in einer Stunde gerne reinschleusen möchten. Der Schleusenwärter erinnerte uns an unseren Fehler im Plan: Wir haben Wochentags, da schleusen die nur alle 2 (ungeraden) Stunden. Also statt 18 Uhr dann 19 Uhr. Ich nahm ordentlich Gas weg. Nun hatten wir mindestens eine Stunde Zeit: Ideal, um doch noch mal zu segeln. Hätte, hätte Ankerkette: Hier war die Weser zu schmal, um mit der Slocum irgendwie aufzukreuzen. Das hätten wir eher machen sollen. Oder eher losfahren, dann hätten wir die 17Uhr-Schleuse geschafft. Hätte, hätte… der logische Weg: Wir tuckerten die restlichen Meilen mit sehr wenig Drehzahl weiter (immer noch fünf Knoten Fahrt!) und um viertel vor sechs fiel unser Anker auf knapp 3m Wassertiefe in Rufweite der Schleuse. Wir machten uns gar nicht erst die Mühe, den Anker einzudampfen: Der wird halten. Ich holte mein Buch und machte es mir im Cockpit gemütlich. Angela war so fleissig und machte schon mal Fender auf beiden Seiten klar. Erst hatten wir die Idee, ich könne ja schon mal in Ruhe kochen und wir essen das dann im Hafen, aber: Ich hatte unterwegs so lecker Brot gegessen, ich hatte gar keinen Hunger.
Die Sonne stand noch über den Bäumen, es wurde viertel vor Schleusung und ich dachte: Lass mal klar machen, das geht bestimmt gleich los. Und so war es: Wir holten in Ruhe den Anker hoch, drehten noch zwei langsame Kreise und konnten dann direkt in die Schleuse einfahren. Der Wärter nahm mit Haken unsere Leinen an, ich ging zum Häuschen und bezahlte rasch (Dank EDV kennt man unser Boot dort). Das alles dauerte nur wenige Minuten, wir fuhren aus der Schleuse zu den Stegen und fanden schnell einen passenden Platz (leider wie seit Jahren die Stege ohne Klampen, echt scheisse zum Anlegen). Dann gab es einen Anlegeschluck zuzüglich eines schnellen Bierchens und dann kehrten wir bei Cosimo auf ne leckere Pizza und einem Grappa zum Nachspülen ein.

Rückschau: Die eine Stunde vor Anker war (wie gewohnt) sehr entspannend, aber wären wir nicht so paddelig gewesen, die Schleusenzeiten zu vergessen, hätten auch wir mal ne Stunde auf der Weser kreuzen und segeln können… Bei Nordenham und danach ist die Weser noch recht breit. Da hätten selbst wir noch den ein oder anderen Schlag machen können. Bei Brake wird es dann schon enger, und es kommen doch immer wieder (große) Frachter. Tja. Langer Text, kurzer Sinn: Was hier am Anfang geschrieben wurde, stimmt!

*Der Nachbarlieger hatte schon am Abend vorher unsere Leinen angenommen, und es war genau der, der uns auf der Kaiserbalje begegnete und überholte. Sehr netter Kontakt, Bootsname: Ali Bi (?)
Wir haben uns am Steg sehr nett unterhalten und selbst die Handzeichen unterwegs auf der Weser waren nett 🙂

3 Gedanken zu „AZ21 – Mit viel Anlauf Richtung Hunte“

  1. Vielen vielen Dank für die schönen, unterhaltsamen und ausführlichen Reisebeschreibungen.
    Herzlich willkommen zu Hause.
    Ich freue mich, euch wieder zu sehen!
    Was für eine tolle Reise!!!
    Ganz liebe Grüße
    Olivier

    1. Danke, Olivier! Aber noch sind wir nicht ganz daheim 😉
      knapp 15 Seemeilen fehlen noch. Und vor Sonntag, dem letzten Tag, werden wir nicht im Stadthafen ankommen. Erst dann ist unsere Reise (erstmal) beendet.
      Vielleicht kommt ja sogar noch ein Bericht vorher? Hm….

      Ja, wir sehen uns!

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