AZ21 – Drei Watt, zwei Wettervorhersagen und wieder eine Tonne

Schon letztes Jahr „trauten“ wir uns, gleich zwei Wattenhochs in einem Schlag zu schaffen (Klick). Das konnten wir heute noch mal toppen… und so exakt, wie meine Törnplanung war, so unpräzise waren die Windvorhersagen.

Noch mal eben Spiekeroog war schön und eine gute Idee. Aber dann auf dem Weg zur Jade noch mal wieder in Wangerooge halt machen, wo wir doch erst waren? Nee… aber wie dann? Angela schlug vor, außen rum in die Jade zu fahren, aber zwei Dinge sprachen dagegen: Die Tide passte hier für nicht und der Wind sollte mit starken Böen (bis 7Bft?) kommen. Dann mache ich sowas nicht!
Weil ich mir aber auf der Herfahrt gemerkt hatte, dass wir bei der Doppelpricke vom Spiekerooger Wattfahrwasser eine Stunde vor HW noch 1,1m unterm Kiel hatten, fing ich mal an zu rechnen:
Von Spiekeroog nach W‘ ooge sind es knapp 11 Seemeilen, dauert 2,5 Stunden. Wenn wir bei halber Tide in Sp. los kommen (man versinkt dort im Schlick), haben wir schon mal 1,5m Wasser. Hochwasser hier sollte um 12:20 Uhr sein. Nach der Zwölferregel müssten an oben genannter Stelle noch mindestens 10cm Wasser unter unserem Kiel sein. Das reicht. Zumal wir ja auch einige Zeit brauchen, um bis dort hin zu kommen. Weiter rechnen: Um 9 Uhr los, dann sind wir im besten Fall gegen 11:30 auf Höhe vom W’ooger Hafen. Das wäre eine Stunde vor HW dort. Man könnte also entspannt über die Telegraphenbalje und um Minsener Oog fahren. Das dauert nach unserer Erfahrung nicht länger als 1,5 Stunden, sind ja auch nur 7,5sm. Dann wären wir gegen 13 Uhr auf der Jade angekommen. Wenn es etwas länger dauert, dann vielleicht 13:30 Uhr, was immer noch super mit dem Hochwasser passen würde, so meine Überlegung. Dann würden wir „nur noch“ die sechs Meilen über die Jade nach Süden fahren müssen. Vermutlich schon nach Hochwasser, also gegenan, aber man kann nicht alles haben und um 16 Uhr ist ja eh erst die Schleusung, Das war zu schaffen.
Zwei Besonderheiten unterstützten meine Planung: Erstens läuft das Hochwasser „mit“, wenn man Richtung Osten fährt (in Whv war erst gegen 14:20 Uhr HW). Und zweitens: Laut BSH Wasserstandsmeldung sollte heute 3 bis 5 dm mehr Wasser auflaufen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Tja, wie immer war nicht alles perfekt: Der Wind sollte heute sehr böig sein. Und kommenden Donnerstag sollte es so richtig kacheln. Für Morgen war man sich nicht einig: Als ich schaute, da war es so wie heute, als Angela später schaute, da war es viel ruhiger. Das hilft nicht bei der Entscheidung. Heute doch nur bis Wangerooge? Aber wir kennen uns: Wenn wir morgen weiter wollen und sehen weiße Schaumkämme auf den Wellen, dann starten wir nicht und wegen Donnerstag würden wir dann bis Freitag hier bleiben… so schön es auf den Inseln auch ist: Nee, Leute. Egal, das „schwierigste“ Wattenhoch ist das erste, weil wir (in Bezug auf die Flut) sehr früh starten müssen und unseren Tiefgang von 1,3m leider nicht mal eben verkürzen können. Da wir sowieso an W’ooge vorbei kommen, können wir da ja noch mal neu entscheiden…. also starten wir und gucken, wie es so läuft. Ich wusste: Sind wir erstmal aus dem Hafen raus, dann wird uns der Flutstrom mitziehen und erst ab der Wattenmitte wird er gegen uns sein… die Flut läuft eben von beiden Seiten durch die Gatten auf.
Mit drei Knoten tuckerten wir den langen Schlauch der Hafenzufahrt von Sp. raus und *zack* draußen hatten wir 5 bis 6 Knoten (und jede Menge am Ruder zu tun, um nicht aufs Flach getrieben zu werden). Wir waren fast zu schnell, denn es hat ja keinen Sinn, zu früh beim Wattenhoch zu sein, außer, man will sich die Pocken unterm Kiel mal wegschaben. Aber das hatten wir auf der Eider schon erledigt. Wir nahmen so viel Gas weg, dass wir noch steuern konnten und wurden nicht wesentlich langsamer. Dann ist das so. Die roten Tonnen kamen, die Pricken kamen und irgendwann kam auch die Doppelpricke. Und Wasser war bisher immer genug unterm Kiel. Aber dann ging die Tiefenanzeige auf 0,9m (zur Erinnerung: Wir haben keinen Korrekturwert im Echolot; bei 0,7m ist 0 Wasser unterm Kiel). Und blieb da nur, um ab und zu mal auf 0,8 oder 0,7 zu springen. Wir fuhren weiter. Was vorher nicht zu berechnen war: Durch den Wind entstanden natürlich auch Wellen und die hatten dort bei aller Bescheidenheit ca. 30cm. Da könnte es dann schnell dünn werden… aber was sollten wir machen? Solange Fahrt im Schiff ist, fahren wir weiter und ich versuchte, nicht immer aufs Echolot zu schielen sondern mich auf den Kurs zu konzentrieren. Ich will es gar nicht in die Länge ziehen: Es hat im wahrsten Sinne des Wortes Reibungslos geklappt 🙂
Dann näherten wir uns dem Harle-Seegatt bei Wangerooge. Da strömt es natürlich mächtig rein und uns entgegen. Wir hatten nur noch 3 Knoten Fahrt und gaben wieder Gas. Weil es hier aber schon tief genug war und „nicht mehr so drauf ankam“, rollten wir das Vorsegel ein Stück aus und gewannen auch nen Knoten. Fein. Selbstverständlich eierte am Ausgang des Prickenweges ein Fahrgastschiff mitten im Weg, weil man hier die Seehunde so schön betrachten kann (man kommt wirklich nahe ans Ende von Spiekeroog ran). Wir nahmen darauf keine Rücksicht und achteten auf unseren Weg. Kaum waren wir am schmalen Gatt vorbei, begann wieder die Rauschefahrt: 6 Knoten und mehr. Wir suchten den roten Tonnenstrich und selbstverständlich näherte sich die Fähre nach Wangerooge von hinten. Warum nahmen die keine Rücksicht auf uns und warteten, was wir tun? Die fuhren einfach weiter, rechts an uns vorbei. Angela fragte, in welche Richtung sie nun fahren solle und ich war der Meinung: Weiter am Tonnenstrich wäre das beste, während ich die nächste Tonne suchte. Währenddessen überschritt die Fähre aber die Grenze zu meiner Wohlfühlzone und ich musste irgendwas machen. Also: Ruder hart Steuerbord, damit wir aufs Heck der Fähre zielten und knapp hinten durch konnten. Dazu ging ich an die Pinne, das Vorsegel liessen wir einfach flattern. Dann kam der Schrecken: Die nächste Tonne war nicht irgendwo bei der Hafeneinfahrt sondern nur weniger Meter VOR unserem Bug! Ich hatte die komplett übersehen, weil sie genau vorm Schiff war. Weil wir ja gerade drehten, hatten wir sie nun mittschiffes querab und weil die Strömung aus dem Seegatt einige Knoten Speed brachte, schoben wir direkt drauf zu, obwohl unsere Fahrtrichtung 90 Grad anders verlief. Nun aber ganz entschlossen handeln!
Den Gashebel noch weiter runter (Hebel on the table), unser tapferer Bukh drehte ordentlich, ich änderte unseren Kurs um die einzige sinnvolle Winzigkeit, die zwischen der riesigen Fähre neben uns und er drohenden Tonne vor uns noch möglich war, das Vorsegel schlug wie wild und die Millisekunden dehnten sich. Wir hätten die Tonne mit ausgestrecktem Arm berühren können! Auf der Fähre machten die Touristen wohl begeistert Fotos von dieser Show, während ich durchs Heckwasser der Fähre steuernd realisierte, dass wir die Tonne zum Glück verfehlt hatten. Das war knapp und das war keine von den kleinen Tonnen!

Das Chaos ging aber noch etwas weiter, weil die See voller Strudel war und der Wind weiter in vollen Böen pustete. Zum Glück war hier Platz. Im großen Bogen ging ich wieder auf Kurs, wir trimmten das Vorsegel erneut und atmeten kurz durch. Dann fällten wir auch gleich die Entscheidung: Weiter! Wir sind bis hier hin gekommen, der Zeitplan passte (11:30 Uhr vorm Hafen, genial!) und wer weiss, wann wir hier wieder weg kämen.

Und auf der Telegraphenbalje war es auch regelrecht ruhig, für die Verhältnisse. Auf jeden Fall war genug Wasser da und die Flut schob uns noch. Wie verabredet kam am Ende des Wattfahrwassers wieder ein Fahrgastschiff entgegen (was machen die alle bloß bei diesem Wetter mitten in der Woche hier draußen?) und ein Tonnenleger kam von hinten. Der überholte uns bei der Blauen Balje einfach und zeigte uns immerhin den Weg um Minsener Oog. Dieses Stück war noch etwas beschwerlich, weil wir den Wind und damit die drückende, ruckelte See von der Seite hatten. Aber es waren keine zwei Meilen mehr bis zur Jade, das schaffen wir auch noch! Der Tonnenweg ist dort nicht so verwunden wie all die Jahre zuvor und die Pricken um den Südzipfel sind auch noch ziemlich vollständig. Außerdem ist die Ein/Ausfahrt des Prickenweges nun südlicher.

Um 12: 52 Uhr waren wir auf der Jade. Unglaublich! Noch sechs Meilen bis Hooksiel und noch eine gute Stunde Flut! Wir rollten das Vorsegel noch ein Stück aus (das Groß gar nicht), liessen die Maschine nur im Hafengang mitlaufen und machten locker 6 Knoten Fahrt, zwischendurch kratzten wir an sieben. Spätestens als wir Schillig querab hatten, waren auch die Wellen fast weg und es war richtig geiles Segeln. Das Muschelfeld kam, die H3 kam und wir fuhren um 13:55 Uhr in den Vorhafen von Hooksiel. Passend zur 14Uhr-Schleusung! Die fand leider erst 40 Minuten später statt, weil die Schleusentore mit dem vielen Hochwasser nicht gut klarkommen.

In Rot habe ich den neusten Track markiert 🙂

Aber das war geil! Ich hätte nie gedacht, dass wir die Strecke in fünf Stunden schaffen könnten! Und „früher“ wären wir bei 6er Böen gar nicht erst los gefahren. Hier hat sich gezeigt: Für die Slocum fängt da der richtige Wind an, da kommt die erst in Fahrt. Und wir hatten neben den notwendigen Motorstunden und der erfolgreichen Bestätigung meiner Tidenplanung auch noch etwas tollen Segelspaß.
Die Aussage „drei Wattenhochs“ ist zwar korrekt, weil wir ja bei Spiekeroog rüber sind, bei W’ooge und um Minsener Oog rum, aber eigentlich zähle ich die letzteren beiden sonst immer als eines, weil die i.d.R. auch in einem Rutsch gefahren werden. Aber lassen wir uns die Freude 🙂
Das Bild ganz oben zeigt übrigens die realen Messwerte des Windes während unseres Törns heute (Quelle: Windfinder.com).

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