AZ21 – Hiddensee – der logische Weg

Wenn man mal auf einer (See)Karte nachschaut, dann wird man feststellen, dass an der Deutschen Festlandsküste zwischen Fehmarn und Rügen erstaunlich wenige Häfen liegen. Aber wozu haben wir ein Segelboot? Der Weg von Kühlungsborn nach Kloster/ Hiddensee ist mit ca. 67 Seemeilen dreimal so lang wie die ganze Schlei, wo man unzählige Liegestellen passiert. Auf unserem geplanten Weg lag nur ein anlaufbarer Hafen, und dort „durften“ wir nicht rein: Der Nothafen Darßer Ort. Rostock mal außen vor, das war zu nah.

Aber lasst mich von vorn erzählen: Wir kamen also in Kühlungsborn an, aßen eine Pizza und keine 21 Stunden, nachdem wir ankamen, legten wir auch schon wieder ab. Der Hauptgrund: Man soll den Liegeplatz bis 12:00 Uhr verlassen. Wir hatten uns schon den Plan zurecht gelegt, den Schlag nach Hiddensee in einem Rutsch zu fahren. Ich rechnete:
Es waren laut Karte 64 sm. Wenn wir unsere übliche Durchschnittsgeschwindigkeit von 4kn schaffen, dann sind wir 16 Std. unterwegs. Erreichen wir 5kn, dann sind es nur noch knapp 13 Stunden. Machbar, aber dann muss der Wind passen, denn durchmotoren wollten wir nicht. So: Wenn wir um 12 los fahren und, sagen wir 16 Stunden brauchen, dann macht das 12 + 16 gleich 28 Uhr also vier Uhr morgens. So früh, vielleicht noch im Dunkeln, wollen wir da aber nicht ankommen. Selbst wenn wir länger bräuchten: Die Ansteuerung ist auch nicht ganz ohne. Also ist eine gute Idee: Wir fahren aus dem Hafen und ankern für einige Stunden vor Kühbo, um später zu starten. Aber da war keine geschützte Ecke zu finden und direkt vor dem Hafen kiesiger Grund. Dann hörten wir die Windvorhersagen: Schwachwinde von Borkum bis Bornholm, nirgends mit Starkwind, Böen etc. zu rechnen. Die angesagten 2-3 Bft kamen zwar aus der richtigen Richtung, doch flotte Fahrt schaffen wir damit nicht. Nächste gute Idee: Warum Ankern? Wir starteten gleich in die richtige Richtung! Wenn wir 3 kn Fahrt im Durchschnitt schaffen, dann brauchen wir für die 63 sm genau 21 Stunden 🙂 . 12 plus 21 macht 33, minus 24 macht: 9 Uhr Ankunft, Klasse!

Der erste Abschnitt bis nördlich von Darß war der längste: Gute 34 sm. Dort wäre dann der Nothafen Darßer Ort. Wie der Name sagt: Hat man Not, darf man darein. „Not“ ist ziemlich genau definiert und mir liegt es nicht, wie andere Skipper mit Ausredensagen wie „wir hatten einen Platten“ dort fest zu machen, auch wenn ich dort zu gerne mal angelegt hätte.
Wir eierten also mit Kurs 51 Grad über die Ostsee und hatten fast achterlichen Wind, was für die heute üblichen Segelboote gar nicht so toll ist: Das Vorsegel kriegt keinen Wind, weil das Groß davor ist und zu beiden Seiten ausfahren war wegen der starken Dünung nicht so praktisch. Dann lieber etwas vor dem Wind kreuzen oder… hey, wir haben einen Blister! Wenn wir den Kurs eeetwas ändern (er darf für einen Blister nicht von achtern kommen), dann könnten wir den setzen! Gedacht, gemacht: Ich ging nach unten, kramte den Blister-Sack unter Taschen und Persennings hervor und wuppte ihn ins Cockpit. Gut, dass wir das Manöver mit ihm neulich vor „Holy Heaven“ noch geübt hatten (ein paar Bilder auch im letzten Video)! Um nicht langwierig und -weilig alles zu beschreiben, reduziere ich den Bericht auf die Fehler, die ich dabei machte: Zunächst schlug ich den Hals am Vorschiffbeschlag von innen an, statt ihn außen um die Reling zu führen. So ein großes Bauchiges Segel will natürlich keine Reling im Weg haben! Das fiel mir natürlich erst auf, als er schon oben war, und faul wie ich bin, habe ich den Schäkel gelöst, das ganze riesige, schon aufgebauschte Segel nur mit meiner Hand über die Reling hoch und außen wieder runter geführt und mal eben den Schäkel (dann natürlich nur mit einer Hand) bei einer halben-Meter-Dünung wieder eingeschraubt. Vermutlich wäre es leichter und schneller gewesen, das Segel eben wieder runter zulassen. Aber  ich musste es schon zweimal hochziehen und ich hasse es, Dinge zweimal zu machen… selbst schuld. Beim ersten mal knotete ich den Kopf des Tuchs an das Spi-Fall (die Leine, mit der der Kram nach oben kommt). Aber ich nahm nicht die Leine selbst sondern dort war noch eine dünne Schnur angeknotet (ähnlich einem Schnürsenkel), den ich eigentlich für die Fockpersenning (wer fragen hat: Fragt, ich will hier nicht alles erklären) verwendete. Und blöderweise dachte ich mir noch dabei: „dann kann ja besser der Senkel reissen, als irgendwas anderes“.
Nun zog ich das Segel – noch im Bergeschlauch steckend – hoch in den Mast und belegte die Leine an einer Mastklampe. Nun musste ich an einer anderen Leine ziehen, um den Bergeschlauch hochzuziehen und das Segel damit zu entfalten. Noch eben die Schot an Horn und direkt ins Cockpit geführt (für die Profis: Nein, ich hatte nicht vor, mit dem Blister eine Halse zu fahren). Blöderweise liess sich die „Socke“ nicht so leicht hochziehen, wie sie noch vor HeiHa runterging. Ich zog kräftiger. Auf den ersten knapp zwei Metern konnte ich noch nachhelfen, indem ich Segeltuch mit der Hand aus dem Schlauch zog und dann ging es auch weiter. Aber irgendwo oben, da stockte es hartnäckig. Was macht der erfahrene Handwerker? Kräftiger ziehen. Damit gelangte der Schnürsenkel an seine Sollbruchgrenzen und im nächsten Augenblick der ganze Segelschlauch wieder an Deck, ein Teil des schon ausgepackten Segels über Bord. Das Ende der Leine blieb natürlich oben, von wegen Schnürsenkel und tolle Idee: Saublöd. Angelas große Augen konnte ich vom Vorschiff aus hören. Egal, handeln: Schnell holte ich alles Tuch wieder an Bord, und hatte schon die nächsten Schritte im Kopf: Wir hatten ja genug Leinen am Mast. Die eine musste nun da oben bleiben, bis ich ein Kind finde, welches ich da hochwinschen kann. Da der Schlauch schon mal wieder in Griffweite war, klarierte ich die „Verstopfung“ und zog alles wieder hoch. Die zweite Leine kriegte ich leider nicht bis ganz nach oben, ein halber Meter fehlte noch. Aber ich wollte nicht (mehr) mit aller Gewalt dran ziehen… muss auch so gehen. Die Socke kriegte ich hoch und das befreite Segel füllte sich: Sieht echt Klasse aus und: tolles Gefühl!
Zurück im Cockpit: Mit unserer Genua lagen wir bei ca 2,5 Kn und nun mit dem Blister, nach etwas zubbeln und trimmen, kamen wir auf 4,x Knoten Fahrt! Das ist so geil! Lieber 4kn mit Blister als im zweiten Reff 😉

Gerade habe ich festgestellt, dass dieser Artikel schon über tausend Worte lang ist. Also mache ich hier halt und schreibe weiter in einem zweiten Teil (hier: Klick), dann könnt ihr zwischendurch einen Kaffee trinken oder eine rauchen….

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