Der Heinrich-Punkt

Letztes Jahr war ich bei unserem Heinrich mit an Bord, um sein Segelschiff von Horumersiel nach Oldenburg ins Winterlager zu überführen. Horumersiel liegt ja nur etwas nördlicher in der Jade als Hooksiel, den Weg kannte ich also (Heinrich fährt normalerweise auch nicht durch die Kaiserbalje). Aber wie wir so  die Jade hochschippern, da erkenne ich, das er nicht durch die Mittelrinne, also den Bogen um den Turm Mellumplate fährt, sondern Luftlinie auf die Doppeltonne 13 des Weser-Fahrwassers zu. Und das klappte einwandfrei.

Diesen Punkt hat er letztes Jahr auf der Karte „gefunden“, weil sich offenbar die Wattenhügel dort jedes Jahr etwas zurück bilden. Wenn man ein, zwei ältere Karten hat, dann kann man das im Vergleich mit einer aktuellen Karte sogar gut erkennen. An den entsprechenden Koordinaten hatte Heinrich sich einen Wegpunkt in den Plotter gesetzt und diesen habe ich in mein iPad übertragen, hier:

Wenn man klickt wirds gross und man kann die Koordinaten lesen….

Daheim hatte ich mir das mit Openseamap und dem freien Chartviewer von Navionics (wegen der Wassertiefe) angeschaut und da dieser Kurs nicht nur einfacher zu steuern sondern sogar etwas kürzer war, wollte ich ihn dieses Jahr auch mal fahren. Ich habe das im Artikel zur Überfahrt ja schon kurz angerissen: Sowas ist immer spannend!

Angela und ich näherten uns der Doppeltonne 13, mussten also das Fahrwasser queren. Da war es noch ordentlich tief. Vorher hatte ich Standlinienpeilungen am PC gemacht, die mir einen fahrbaren Korridor lieferten. Ich wollte möglichst dicht an die Tonnen heranfahren, weil das der Startpunkt für diesen Korridor ist. An Bord legte Angela noch die Seekarte bereit und trug sowohl den Heinrich-Punkt als auch die Kurslinie ein. 210° ergab das (unkorrigiert) von Tonne 13 aus. Mir war klar, das ich den nicht würde halten können, dafür schob die Tide schon zu sehr, wir waren ja immerhin eine Stunde nach NW „Alte Weser“ dort, das Wasser lief wieder auf (das wollte ich unbedingt so!). Aber als Anhaltspunkt ein guter Ansatz.
Also fuhren wir zunächst ab den Tonnen Kompasskurs und dann achtete ich darauf, das unsere Kurslinie in Navionics am iPad immer auf den Wegpunkt zeigte. Der Kompasskurs schwankte dadurch, war meist etwas drüber (217…). Ich wusste nur, dass wir bzw. die Slocum an dieser Stelle auf jeden Fall darüber kommen sollten, immerhin war ich im Herbst letzten Jahres auf einem anderen Schiff am selben Ort und dort sah ich selbst noch reichlich Wassertiefe am Echolot.
Wir näherten uns dem Punkt und die Wassertiefe ging zügig von 15+ auf unter 5 Meter. Wir hatten Groß und Fock hoch, aber der Motor lief mit, für alle Fälle (und eine Halse musste auf Grund des Kurswechsels ja auch noch kommen). Noch bevor wir das Fahrwasser querten, ging unsere Fahrt von gut 7 Knoten auf unter 4 runter, so konnten wir uns quasi an den Heinrichpunkt herantasten. Vorher hatte ich noch Angela erklärt, ich würde über Steuerbord wegdrehen, wenn irgendwas unklar und komisch käme, denn dort würde es wieder tiefer werden. Angela und ich starrten aufs Echolot, aufs iPad, auf die See (war da nicht ne Kräuselung?) und uns gegenseitig an: Mann, war das aufregend!
Nasa Target2 Echolot: 4.9, 4.8, 4.5… 4.2… uuund: Laut GPS waren wir über den Heinrich-Punkt hinweg, geschafft! Nun hatten wir diesen magischen Punkt, wir waren faktisch in der Jade, das Tiefwasser kann kommen!

Dachten wir. Unser Echolot zeigte tieferes Wasser, wurde aber wieder flacher… hä? 4.4, 4.2, 3.9, usw. Was ist da los? zweiachtzig, zweizwanzig, achduscheisse! Da ich keine Ahnung hatte, in welche Richtung ich steuern sollte, um tieferes Wasser zu kriegen, nahm ich Gas weg und fierte die Schoten, um möglichst Fahrt aus dem Boot zu nehmen. Ich wollte nicht mit Schmackes irgendwo gegen… das Echolot fiel weiter: 1.9, 1.7, 1.5, 1.3 und dann 1.1, wirklich kein schönes Gefühl. Ich sah uns schon langsam auf die Seite kippen und die Option, schnell den Anker zu werfen, die kam mir nicht (hätte vermutlich auch kaum was genutzt, oder wie schnell soll die kurze Kette Halt liefern?) geschadet hätte es aber auch nicht, und wir hätten auf mehr Flut warten können, ohne massive Schräglage befürchten zu müssen. Was man eben als Grübler alles denkt in solch einer Situation. Immerhin habe ich in aller Eile einen Waypoint am iPad gesetzt, um diese Stelle zu markieren, hier seht ihr es:

Der neue Heinrichpunkt

Um die Spannung rauszunehmen: Flacher als 1,10m (unterm Kiel wohlgemerkt) wurde es nicht und wenn man recht Süd steuert, macht man nichts falsch. Aber bedenkt: Wir waren eine Stunde nach NW dort, könnte also auch knapp werden. Dazu noch ein Aber: Es war auch Vollmond, also Spring, und einige Tage Ostwind. „Normal“ sollte es also auch locker passen.

Danach habe ich aber erstmal Angela die Anleitung vom Echolot gegeben, damit sie die Kieldifferenz dort wieder rausnimmt. Denn ich kann mit der Wassertiefe viel besser umgehen als mit dem Wasser unterm Kiel. Die oben angegebene Wassertiefe beträgt also jeweils einen Meter mehr 🙂

Und von dort aus ist man wirklich flott vor der H3 von Hooksiel, das Stück Jade ging viel schneller als sonst. Gut, wenn man z.B. die Schleuse noch erwischen will…

Segler unter sich: der Nautical Almanac reist von einem zum anderen

Holger

Zum einen, weil Angela und ich eine längere Reise planen und zum anderen, weil mich der in vielen Büchern erwähnte „Reeds Nautical Almanac“ so neugierig gemacht hat (Astrid Erdmann hat damit laut Wilfried sehr viele hilfreiche Informationen zur Ansteuerung von Häfen, besonders Rund England, gefunden), hat Angela letztendlich einen relativ günstig gebraucht ersteigern können.

Und was mich so begeisterte, als das doch recht schwere „Päckchen“ bei uns ankam: Ohne, dass es einen grossen Austausch gab, hat der Versender einen Zettel beigelegt, siehe Bild:

Allzeit einen guten Törn, Handbreit

Ich finde das so eine wahnsinnig nette Geste, allein die (vernünftige) Annahme: Wer so was kauft, der will nicht schmökern sondern sucht Informationen, weil er auf dem Wasser reisen will. was liegt da näher, als einen Seemännischen Gruss mit zu schicken? Ich weiss aber noch nicht, ob ich Angelas Aussage „was soll denn das V6?“ als Scherz aufnehmen soll… für mich sah das jedenfalls auf Anhieb wie ein VG für „Viele Grüsse“ aus 🙂

Und aber dieser dicke Schinken ist wirklich, wirklich informativ: Sehr viele Häfen sind mit Grafiken, Ansteuerungen, Strömungen usw. Dazu Entfernungstabellen und sehrsehr viele Tabellen für die Navigation. Wann ist wo die Sonne, wie weit weg ist etwas, das am Horizont auftaucht und allerlei weitere Helferlein, um quasi mit Bordmitteln seine Position zu bestimmen. Toll!

Hooksiel-Bremerhaven

Holger

Hier mal eine etwas technischere Beschreibung der Überfahrt. Vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen, der (auch) zum ersten mal dort lang fahren möchte.

Egal, ob man von Hooksiel nach Bremerhaven oder anders rum fahren will: Man sollte die Reise immer so planen, dass man bei Niedrigwasser am Wendepunkt (Tonne 13) ist. Dann kann man immer von der Gezeitenströmung profitieren und muss nicht (oder nicht viel) Gegenan.

Ich nehme als „Peilmarke“ für NW in diesem Fall den Leuchtturm „Alte Weser“. Der ist zwar etwas weiter draussen, aber sooo genau kommts auch nicht drauf an. Dort ist NW eine Stunde vor Bremerhaven. Von der Schleuse Hooksiel bis zur Doppeltonne 13 in der Weser sind es ca. 14 sm. Bei 5 Knoten wären das knapp drei Stunden, aber Dank des Gezeitenstroms schafft man das locker in zwei Stunden.

Wir fahren durch die Mittelrinne. Also von Hooksiel ins Jadefahrwasser bis zur Tonne 24. Das ist dann auch gleich die M14 der Mittelrinne. Man kann auch etwas über die Schillig-Reede schnibbeln, Wasser ist da genug (wir fahren ja bei ablaufendem Wasser recht kurz nach HW). Noch ein Hinweis zur Ansteuerung Hooksiel bzw. der Rausfahrt aus dem Vorhafen: Man soll sich ja immer an die Tonne H3 halten (ist auch in den Seekarten eingetragen), weil es dort sandige Untiefen gibt. Zwei Stunden nach HW ist da aber genug Wasser (für uns mit immerhin 1,45m Tiefgang), um es nicht gaaanz so genau zu nehmen.
In der Mittelrinne folgt man den M-Tonnen (die ziemlich weit auseinander liegen), das pummelige Leuchtfeuer „Mellumplate“ lässt man immer an Backbord und fährt einen grossen westlichen Bogen. In der Ferne kann man östlich schon den Windpark Nordergründe erkennen. Der bleibt auch immer da 🙂

So, irgendwann ist man bei der M4 und spätestens hier kann man nach Osten abbiegen und ab der Tonne 13 wieder südlich, Richtung Bremerhaven gehen. Ich bin mir sicher, dass man auch schon etwas eher rüber kann, möchte diese Empfehlung aber nicht aussprechen (Tiefgangabhängig). Ich selbst werde jedes mal wenn ich da bin etwas mehr schnibbeln und loten und mich so rantasten…

Nun folgt man dem Tonnenstrich nach Bremerhaven und gut ist. Das sind ca. 26 Meilen, die man mit dem Flutstrom durchaus in reichlich drei Stunden schaffen kann. Eher dauert es aber vier Stunden. Und wenn man so fahren muss, dass man nicht genau das NW „unten an der Tonne 13“ erwischt, dann kann es auch länger dauern…

Hinweis:
Entscheidet euch immer rechtzeitig, auf welcher Seite ihr die Tonnen passieren wollt! Die kommen sehr schnell näher, wenn die Strömung schiebt (SOG von 8 Knoten und mehr ist nicht unüblich).